Aus der Zeitung 2004
Feierlich und besinnlich
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Brechend voll war die St. Petrikirche zu Hoyer bei der gestrigen Musikalischen Adventsvesper des Chores der Nordschleswigschen Musikvereinigung, der zusammen mit den Instrumentalsolisten Eva Ullisch, Orgel, und Peter Deichgräber, Trompete, einen teils stimmungsvollen, teils besinnlichen musikalischen Querschnitt zur Aufführung brachte, während Schauspielerin Katrin Weisser adventliche Geschichten vorlas.
Eine ausführliche Besprechung der Veranstaltung folgt in einer späteren Ausgabe unserer Zeitung.
Musikalische Darbietungen verbreiteten adventlichen Glanz
Kirchen am Meer scheinen schon seit vielen Jahren nördlich wie südlich der Grenze der bevorzugte Rahmen für Konzerte und Musikgottesdienste zu sein. So fand auch die Musikalische Adventsvesper zum 3. Advent unter der gemeinsamen Regie der Nordschleswigschen Musikvereinigung, des Jugendmusikfonds Nordschleswig und der Nordschleswigschen Gemeinde zu nachmittäglicher Stunde in der St.- Petri-Kirche zu Hoyer statt. Vokale und instrumentale Beiträge wechselten mit Gemeindeliedern und liturgischen Elementen, und wie in den Vorjahren stand im Mittelpunkt eine Lesung weihnachtlicher Erzählungen. Die Begrüßung, ein Wort zum Advent sowie den gottesdienstlichen Teil hatte Pastor Günther Barten übernommen. Zentraler Gedanke war die Frage: Wie gehe ich, als ein von Gott Begünstigter, mit dem Leiden in der Welt um?
Mit zwei frischen, lebensfrohen Sonatensätzen für Trompete und Orgel und einem ruhigeren Mittelsatz für das Tasteninstrument von Aldrovandini eröffneten Peter Deichgräber und Eva Ullisch mit adventlichem Glanz die Reihe der musikalischen Darbietungen. Im Gegensatz dazu ließ der Chor der Nordschleswigschen Musikvereinigung unter der Leitung von Peter von der Osten die Abfolge seiner Beiträge ganz aus der Stille heraus erwachsen. Zu der Bitte »Verleih uns Frieden« zeigten drei Choräle ein Fortschreiten von gregorianischer Einstimmigkeit zur Vierstimmigkeit des Barockmeisters Johann Hermann Schein. Bei der bewegt vorgetragenen Schütz-Motette »Also hat Gott die Welt geliebt« erweiterte sich die Mehrstimmigkeit sogar auf fünf Stimmen. Auch der Praetorius-Satz »Der Morgenstern ist aufgedrungen« und die Hammerschmidt-Motette »Machet die Tore weit« gefielen in ihrer lebendigen Gestaltung und deutlichen Artikulierung. Von den zahlreichen, sehr unterschiedlichen Orgelwerken überraschten vor allem die Choralbearbeitung Marco Rossis über das Weihnachtslied »Il est né, le divin enfant« durch eine reizvolle Hinzufügung von Zimbelklang und die moderne und klanglich variierte Meditation über die Weise »Hark! The Herald Angels sing« von Christoph Schoemig. Zum Ausklang und zur Abrundung der instrumentalen Sätze ließ sich noch einmal Peter Deichgräber mit einer besonders schön geblasenen Toccata für Trompete und Orgel von Francesco Cardaropoli hören.
Für die Adventslesung hatte Katrin Weisser, vielleicht als Referenz an den Vortragsort, zwei skandinavische Erzählungen ausgewählt: Hans Christian Andersens »Der Tannenbaum« und Selma Lagerlöfs Legende »Heilige Nacht«. Während der Märchendichter uns die Torheit unrealistischer Erwartungen und vertaner Möglichkeiten vor Augen führt, lässt Selma Lagerlöf die Gewissheit in uns wachsen: Wer sich nicht länger verschließt, wer seine Augen und seine Seele öffnet, kann genau wie alte Hirten die Wunder der Weihnachtsnacht schauen und daran gesunden. Katrin Weisser brachte das Geschehen in den Texten in ruhiger, verinnerlichter Weise, ohne große Gestik zum Ausdruck und hinterließ damit beim Hörer eine Sphäre der Besinnlichkeit.
Um auch die Besucher aktiv in die Adventsvesper einzubeziehen, hatte man zwei Kirchenlieder in das Programm aufgenommen. Vielstimmig erklangen das dänische »Dejlig er jorden«, erstmalig in deutscher Übersetzung, und zum Abschluss das einladendste aller Adventslieder »Macht hoch die Tür, die Tor macht weit!« Unter den Orgelklängen des »Halleluja« aus Händels Messias, von Eva Ullisch mit vollem Werk vorgetragen, sank die bis auf den letzten Platz besetzte Kirche, hier und da noch kleinen Gesprächsgruppen Licht und Wärme spendend, in ihre gewohnte dörfliche Ruhe zurück.
Prachtvolle Cherubini-Messe und virtuose Orgel- und Orchestermusik
Die Nordschleswigsche Musikvereinigung veranstaltet Ende Oktober zwei Kirchenkonzerte. Auf dem Programm stehen zwei besondere Werke: Luigi Cherubinis Messe »Missa solenne in re minore il Principe Esterhazy« und Josef Rheinbergers Orgelkonzert Nr. 2.
Am Sonnabend, 30. Oktober, findet das erste Konzert um 20 Uhr im Haderslebener Dom zu St. Marien statt; und am Sonntag, 31. Oktober, folgt das zweite Konzert in der Klosterkirche Lügumkloster. Es beginnt bereits um 17 Uhr.
Luigi Cherubinis (1760–1842) »Missa solenne in re minore il Principe Esterhazy«, also dem Fürsten Esterhazy gewidmet, ist eine Wiederentdeckung nach musikwissenschaftlichen Studien des Nachlasses der Familie Esterhazy und wurde im Jahre 2003 neu in Italien herausgegeben.
Die Vertonung des Messetextes ist im Range einer Missa Solemnis von Ludwig van Beethoven und diente eigentlich der Bewerbung Cherubinis bei Hofe Esterhazys. Der Komponist bewarb sich etwa 1814 um die Nachfolge Joseph Haydns, aber nach langer Verzögerung erhielt er einen abschlägigen Bescheid, da dem Fürsten Esterhazy das Geld ausgegangen war – der Tribut an die französische Revolution war zu hoch gewesen.
Die Musik von Cherubinis »Missa Solenne« ist prachtvoll und von hoher kompositorischer Kunstfertigkeit, so dass Beethoven des Lobes voll war, wie belegt ist.
Die Konzerte werden eingeleitet mit Josef Rheinbergers Orgelkonzert Nr. 2, einer virtuosen Musik für Orgel und Orchester, gespielt an der Orgel von Ole Brinth, dem 2. Domorganisten des Domes St. Marien zu Hadersleben. Auch dieses Werk wird sehr selten gespielt, da häufig die Abstände zwischen dem Orchester und den Spieltischen der Orgel so groß sind, dass ein Zusammenspiel kaum möglich ist. Daher sind komplizierte Vorbereitungen notwendig. Der Komponist Josef Rheinberger ist bekannt durch zahlreiche Chormotetten und Kantaten.
Im Chor der Musikvereinigung singen die Apenrader Chorvereinigung, der Haderslebener Musikverein und die Musikvereinigungen Tondern und Sonderburg mit insgesamt etwa 125 Sängerinnen und Sängern. Bekannt aus Konzert und Oper in Dänemark und Norddeutschland sind die Solisten; Sofie Ottosen, Sopran, aus Kopenhagen, Barbara Rohlfs, Alt, aus Lübeck, David Danholt, Tenor, aus Kopenhagen, und Jeppe Friis, Bass, aus Hadersleben. Das Orchester ist zu einem Teil mit nordschleswigschen Musikern besetzt, zum anderen Teil kommt die Stammbesetzung der Streicher von den Musikhochschulen Norddeutschlands.
In dieser Besetzung spielt das Konzertorchester der Musikvereinigung nun im zehnten Jahr; die Leitung hat Peter von der Osten, Apenrade.
Auf den Spuren des Kyrie eleison
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Der musikalisch theologische Abend mit gemeinsamem Kaffeetrinken gab einen spannenden Einblick in die Komposition von Luigi Cherubinis »Messa Solenne«, ihre geschichtliche Einordnung und Bedeutung.
Seit mehreren Monaten probt der Chor der Nordschleswigschen Musikvereinigung für die zwei vielversprechenden Aufführungen. Das erste Konzert wird es am Sonnabend im Haderslebener Dom geben, gefolgt von dem Konzert in Lügumkloster am Sonntag.
Cherubinis kürzlich wiederentdeckte Werk stammt aus dem Jahre 1814. Der Komponist war also ein Zeitgenosse Beethovens.
Das »Kyrie eleison« (eine mögliche Übersetzung: Gott erbarme dich) erklang schon 600 nach Christi zu den Messen. Ein so langes Bestehen bedeutet Veränderung. So wie sich die Zeit, die Menschen und das Selbstgefühl der Menschen im Laufe der Jahrhunderte verändert hat, so hat auch die Bedeutung des »Kyrie eleison« und dessen musikalische Darbietungsform eine Wandlung erfahren. Um diese Aussage zu verdeutlichen, macht Peter von der Osten einen kleinen Ausflug in die Architekturgeschichte.
In der Zeit der Romanik entstand die Klosterkirche Maria Laach. Das Gotteshaus wirkt massiv und gar nicht prunkvoll, fast wie eine Burg, deren Zweck es ist Schutz zu bieten.
Ganz anders der Dom von Notre Dame, ein Gotteshaus, dass durch grazil in den Himmel strebende Feiler in die Höhe ragt, den Mensch an sich winzig erscheinen lässt und durch riesige Glasfenster atemberaubende Lichtreflexe entstehen lässt.
Das Menschenbild hatte sich gewandelt vom armen, meist kranken Menschen, der schutzbedürftig auch das »Kyrie eleison« im Sinne von »Herr erbarme dich« meint und singt, zu einem ebenfalls ehrfürchtigen Menschen, der aber »nach oben« schaut.
Komponisten aus verschiedenen Epochen haben dem »Kyrie eleison« unterschiedliche Gesichter verliehen und damit einen Spiegel des Menschenbildes ihrer Zeit hinterlassen.
Während Johann Sebastian Bach seine »Messe in h-Moll« individuell geprägt konzipiert hat, verlieh Wolfgang Amadeus Mozart dem Ganzen einen fast höfischen Klang. »Die Masse unter einem Herrscher«, so Peter von der Osten zur Verdeutlichung. Rossini verlieh seiner »Petite Messe Solennelle« sogar eine tanzartige Komponente. Das »Kyrie eleison«, das sich wie ein roter Faden durch die Musikgeschichte zieht, ist also immer im zeitlichen Kontext zu betrachten.
»Ich glaube heutzutage ist «Herr habe Mitleid» die geeigneteste Übersetzung des «Kyrie eleison"», meint von der Osten.
Cherubinis einleitendes «Kyrie eleison» erklingt ebenfalls mächtig gewaltig und unerreichbar, während das folgende «Christe eleison» lebendiger und beweglicher erscheint.
Cherubinis vertonte Dreifaltigkeit wird komplett durch eine komplexe Fuge, die die Rolle des heiligen Geistes übernimmt. Die Dreiteiligkeit von Cherubinis Werke findet sich auch im «Crucifixus»,der Übersetzung der Kreuzigung Jesus Christus in die Klangwelt, wieder. Der Chor singt wiederkehrend einen Ton, der Trauer verdeutlicht, während die Streicher, durch wiederkehrende, kurze und harte Geräusche die Geißlung darstellen und die Holzblasinstrumente eine klagende Spielart anschlagen.
Abgeschlossen wird Cherubinis Werk mit einem «Agnus Dei», das sich durch Schlichtheit charakterisieren lässt. Es verdeutlicht «In Demut bereit zu empfangen" beendet Peter von der Osten seine Erklärungen zum spirituellen Werk des Wahlfranzosen Cherubini.
In Grenzbereiche der musikalischen und stimmlichen Herausforderung vorgestoßen
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Nach erfolgreichen Aufführungen einer Reihe von häufig gehörten Werken des Oratorienrepertoires hatten sich die etwa 125 Sängerinnen und Sänger der Nordschleswigschen Musikvereinigung unter ihrem Leiter Peter von der Osten in diesem Jahr einer erst kürzlich wiederentdeckten und daher kaum bekannten Messekomposition des Italieners Luigi Cherubini angenommen. Die groß angelegte »Messa Solenne in re minore per il Principe Esterhazy« in d-Moll trägt die Züge einer sehr persönlichen Huldigung, vergleichbar mit Bachs Messe in h-Moll oder Beethovens etwas später entstandener »Missa solemnis«. Den instrumentalen Part bestritt wie in den Vorjahren das Konzertorchester der Musikvereinigung, bestehend aus Mitgliedern norddeutscher Orchester und nordschleswigschen Musikern. Ein außerordentlich harmonisch zusammengestelltes Solistenquartett: Sofie Ottosen (Sopran), Barbara Rohlfs (Alt), David Danholt (Tenor) und Jeppe Friis (Bass), im Credo durch Annette Lorenzen (Sopran) und Harald Suntke Redenius (Tenor) zum Sextett erweitert, verlieh den zahlreichen gesanglichen Partien festlichen Glanz. Das eine und eine viertel Stunde füllende Werk erklang erstmalig am Sonnabendabend im Haderslebener Dom und bei einer zweiten Aufführung am Sonntagnachmittag in der Kirche von Lügumkloster.
Der Messe vorangestellt war der Vortrag des Orgelkonzerts Nr. 2, g-Moll, von Josef Rheinberger mit dem Haderslebener Organisten Ole Brinth am Soloinstrument. Diese für die Gattung recht ungewöhnliche Musik, mag manchen Hörer eigenartig berührt haben. Schon zu Beginn, in Nachempfindung einer barocken Ouvertüre wuchtig-pompöse Akzente setzend, steigerten sich die von düsterer Chromatik geprägten Klänge selbst im ruhigeren Mittelsatz zunehmend ins Monumentale. Trompete und Horn gaben im Verein mit den aufbrausenden Streichern ihr Bestes, und die Pauke war mit ihrem ständigen Wirbeln kaum einmal zum Schweigen zu bringen. Die in allen drei Sätzen gleichermaßen ausgedehnten stereotypen sinfonischen Schlussformeln ließen auf jeden Fall keinen Zweifel daran, dass dem Getöse nun nichts mehr hinzuzufügen sei.
Umso mehr konnte sich der vorbereitete Hörer jetzt auf das kompositorisch hochkarätige Werk Cherubinis freuen. Die zahlreichen Chorpartien stellten für die Sänger eine nicht unerhebliche Herausforderung dar. Man konnte ihnen die Konzentration ansehen, mit der sie die schwierigen Fugen bewältigten, und man darf ihnen und ihrem umsichtigen Leiter bestätigen, dass hier nichts aus dem Lot geriet. Die homophonen Partien zu Beginn des Gloria und des Credo waren durch Frische und Brillanz gekennzeichnet, steigerten sich zu inbrünstiger Anbetung und tangierten am Anfang des Sanctus nahezu italienische Volkstümlichkeit. Wirklich eindrucksvoll geriet das »Crucifixus«, bei dem der Chor als Ausdruck der Verlorenheit 51 Takte lang einstimmig auf dem tiefen E verharrt. Auch das immer dringlicher werdende »Miserere nobis« ging zu Herzen. Nicht zuletzt beeindruckte die Art, wie der Chor die Aussagen der Solisten reflektierte oder bekräftigte. Hier fand eine hervorragende gegenseitige Ergänzung statt.
Sofie Ottosen, dem nordschleswigschen Publikum von vielen Aufführungen her vertraut, gestaltete ihren Part mit gewohnter Souveränität, wie beispielsweise die meisterhaft beherrschte Zurücknahme des Tones zu Beginn des »Benedictus« bewies. Auch die Altistin Barbara Rohlfs überzeugte durch hohe Gesangskultur. In den häufig vorkommenden Duettpassagen ergänzten sich die beiden Frauenstimmen in vorbildlicher Weise. Durch die männlichen Solisten erfuhr das Solistenquartett eine nicht minder gelungene Abrundung. Der den meisten Hörern bisher unbekannte David Danholt bestach durch seinen klaren, klangschönen Tenor, mit dem er an Solostellen oder im Ensemble den lichten Bereich des tonalen Raumes zum Glänzen brachte. In Kontrast dazu der sonore Bass des Haderslebener Jeppe Friis: Mit einer Spannweite von zart bis kraftvoll vervollkommnete er den Quartettklang nach unten hin. Einen Höhepunkt der Aufführung bot das zum Sextett erweiterte Solistenensemble an der Credostelle »Et incarnatus est«. Annette Lorenzen und Harald Suntke Redenius trugen mit großer Einfühlsamkeit zum ausgewogenen Klangbild der mit innerer Ruhe geschilderten Menschwerdung des Erlösers bei.
Das Orchester spielte seine Rolle mit Umsicht und Hingabe, bei der kleinen Besetzung stets bemüht, den breiten sinfonischen Rahmen bestmöglich auszufüllen. Gewiss konnten die Spieler während der mehr kammermusikalischen Abschnitte eher zur Geltung kommen. So verschmolzen insbesondere die zurückhaltend begleitenden Holzbläsertupfer und Pizzicati mit den Singstimmen des Sextetts zu einer höheren Einheit. Überraschend gestaltete sich der Ausklang des Werkes:
Nach dreimaligem Anlauf des gesamten Klangkörpers blieb es dem Orchester überlassen, einen unmissverständlichen Schlusspunkt zu setzen.
Peter von der Osten behielt die vielseitig verzweigten Fäden bei der Aufführung sicher in der Hand.
Sein Wagnis, in Grenzbereiche der musikalischen und stimmlichen Herausforderung für die in der Regel getrennt probenden Chorvereinigungen vorzustoßen, war von dem erhofften Erfolg gekrönt.
Die zahlreich erschienenen Liebhaber großer Kirchenmusikwerke honorierten die Gesamtleistung anhaltend mit verdientem Beifall. Sollte da nicht bei allen Mitwirkenden der Mut wachsen, mit der Einstudierung weiterer Werke dieser Dimension an den errungenen Erfolg anzuknüpfen?




