Aus der Zeitung 2006
Emmerleff/Emmerlev - 19. Dezember 2006 - von clk.
Pause von den Umtrieben der Vorweihnachtszeit
Zur traditionellen Adventsvesper hatten der Jugendmusikfonds Nordschleswig mit seiner Schirmherrin Doris Jebsen, die Nordschleswigsche Musikvereinigung und die Nordschleswigsche Gemeinde eingeladen.
Vor vollen Kirchenbänken, auf denen sich Musikfreunde von nördlich und südlich der Grenze drängten, leitete der Chor der Nordschleswigschen Musikvereinigung unter der Leitung von Peter von der Osten stimmgewaltig mit Anton Bruckners »Locus iste a Deo factus est« die Veranstaltung ein. Nach dem gedämpften Präludium »Nun komm der Heiden Heiland« von Johann Sebastian Bach mit Olav Oussoren an der Orgel folgte der Chor mit »Komm, du Heiland aller Welt« von Lukas Osiander und dem Text von Martin Luther.
Mit Johann Hermann Scheins »Nun komm, der Heiden Heiland«, einem geistlichen Konzert für zwei Soprane – die Solistinnen waren Marion Petersen und Annette Lorenzen aus den Reihen der Musikvereinigung – , dem wohlbekannten und geschätzten Bariton Jeppe Friis, Hans-Hermann Lodemann (Fagott) und Peter von der Osten (Generalbass), aber auch mit Dietrich Buxtehudes Adventskantate »Wie soll ich dich empfangen« zeigte die Adventsvesper, aus welchen musikalischen Ressourcen sie in Nordschleswig schöpfen kann.
Dem gemeinsamen Lied »O komm, o komm, du Morgenstern« schickte Olav Oussoren ein perlendes »Es ist gewisslich an der Zeit« von Johann Sebastian Bach hinterher, worauf der Chor freudig mit »Der Morgenstern ist aufgedrungen« antwortete.
Pastor Barten blickte in seiner Kurzansprache auf die Kindheit zurück, auf die leuchtenden Kinderaugen und die Geburtsfeier – das Weihnachtsfest. »Die Adventszeit macht uns wie ein Kind träumend«, befand er und erinnerte an das Jesuswort »Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen«.
Ein zentraler Höhepunkt der Adventsvesper war die Lesung des Generalintendanten des Schleswig-Holsteinsichen Landestheaters Schleswig-Holstein, Michael Grosse, der H. C. Andersens »Des Kaisers neue Kleider« und Grimms »Strohhalm, Bohne und Kohle« ebenso wie zwei Fabeln von Gotthold Ephraim Lessing nur mit seiner Stimme, ein wenig Mimik und Gestik, aber so eindringlich in den Bann ziehend vortrug, dass man noch viel länger hätte zuhören mögen.
Bei Händels »Tochter Zion« wie auch bei »Macht hoch die Tür, die Tor macht weit« war die gesamte Gemeinde stimmgewaltig versammelt.
Der Chor, alle Solisten und Vortragenden haben mit dieser Feier einen Raum zum Abschalten, zum Auftanken und zum Genießen geschaffen. Wie zur Belohnung strahlte über der Marsch nach dem Konzert ein blanker Sternenhimmel, nachdem auf dem Weg zur Adventsvesper noch Regen und Hagel prasselten.
Weihnachtszeit traditionell eingesungen
Vor vollen Rängen beeindruckten unter anderem die Sopranistin Sofie Ottosen (Bild) und der Trompeter Peter Deichgräber. Beide sind in Nordschleswig sehr gut bekannt: Sofie Ottosen unter anderen durch ihr Mitwirken an den Konzerten der Nordschleswigschen Musikvereinigung. Peter Deichgräber hat am Deutschen Gymnasium für Nordschleswig Abitur gemacht, bevor er seine musikalische Ausbildung am Konservatorium in Århus begann.
Auch andere Künstler waren die Publikum aus früheren Konzerten vertraut. Darunter Hanne Rømer, die mit dem Mads Granum Trio für das jazzige Element in der Weihnachtsmusik und Begeisterung beim Publikum sorgte. Der Polizeichor Flensburg war unter seinem Dirigenten Dr. Ekkehard Lack in diesem Jahr zum ersten Mal dabei und präsentierte u. a. Händels »Tochter Zion« zusammen mit dem Deutsch-dänischen Kammerorchester. Für den Gospelteil standen »Nelp, Steff & The new gospel Generation«. Berit Zwirner, Deutsche Privatschule Sonderburg, hatte schon beim Deutschen Tag in Tingleff in diesem Jahr die Zuhörer in ihren Bann gezogen, jetzt zauberte sie in Apenrade besinnliche Atmosphäre.
Eine ausführliche Besprechung erfolgt in der Dienstagsausgabe. (Foto: Anne Busch)
Großer musikalischer Reichtum Händels glanzvoll dargeboten
Die Bereitschaft der Judäer zum kompromisslosen Kampf für die Freiheit kam bereits in der punktierten Entschlossenheit und fugierten Unruhe der Ouvertüre zum Ausdruck, worauf der Eingangschor mit eindrucksvollen Generalpausen die Klage um den verstorbenen »Retter, Freund und (Volks)vater« Mattathias anstimmte. Verzweifelt über diesen Verlust zeigten sich auch Sofie Ottosen und Anette Bod im Duett »From this dread scene«. Mit dramatischer Stimmführung vereinten sie klangschön helle und dunkle Klage. Durch die Proklamation des neuen Feldherren Judas Maccabaeus und die Aufforderung zu erneutem Widerstand gab Jeppe Friis der Handlung eine erste Wende. Die Reaktion des Chores »We come, we come, in bright array« ließ allerdings etwas an Begeisterung vermissen, erreichte erst an späteren Stellen volles Engagement. Der nachfolgende Auftritt David Danholts als Judas Maccabeus bestach spontan: Heldisches Volumen, kraftvolle Höhen und Koloraturen ließen sein Erscheinen zu einem packenden Erlebnis werden. Etwas zu gleichmütig klang der erste Akt mit dem Chor »Hear us, O Lord, on Thee we call« aus. Anders der aussagestarke Eröffnungschor des zweiten Aktes »Fall’n is the foe«: Rhythmisch kurz und bestimmt, als Überraschungseffekt die plötzlichen, andächtig gemurmelten Piano-Wendungen, die gute Verflechtung mit den Orchesterstimmen – das war absolut gelungen. Der Wandel Sofie Ottosens von dramatischer Glut bei ihrem ersten Duett zu der von Trauer erfüllten Arie »Ah! wretched, wretched Israel!« nötigte dem Hörer großen Respekt ab. Vom Solo-Cello wunderschön begleitet gab sie sich mit weicher Stimme dem jammervollen Schicksal ihres Landes hin. Da hätte der Chor, der ihre Worte aufnahm, mehr ratlose Zurückhaltung üben können. Eine meisterhafte Flexibilität ließ auch David Danholt erkennen: Mit flammendem Feuer souverän gestaltet, ein absoluter Höhepunkt, seine Arie »Sound an alarm!« Von lyrischer Zartheit dagegen sein Hinweis auf den allein entscheidenden Willen Gottes »And dreams not that a hand unseen directs and guides this weak machine«. Wie inspirierend sich David Danholts Elan auf den Chor übertrug, zeigte die Antwort des Volkes auf seinen Aufruf zum Kampf »We hear, we hear the pleasing dreadful call«. Gleiches lässt sich von der Bestätigung der im vorausgehenden Duett gehörten Worte »We never, never will bow down« sagen: Hier lebten die Chorsänger ganz in ihrer Rolle!
Fröhlich und leicht, mit gestochenen Koloraturen und artistischen Oktavsprüngen eröffnete Sofie Ottosen mit ihrer Arie »So shall the lute and harp awake« den Dritten Akt, vorbildlich von der stehend gespielten Solo-Violine begleitet. Anfangs etwas unbestimmt entfaltete der Chor nach dem Erhalt der endgültigen Siegesbotschaft festlich – klangvoll sein« See, the conqu´ring hero comes!« – den meisten als das Kirchenlied »Tochter Zion, freue dich« bekannt. Von den abschließenden Dankgesängen muss der Chor »Sing unto God« besonders hervorgehoben werden: Mit agilen Läufen und präzisen Ausrufen zeigten sich Sängerinnen und Sänger, vom vollen Orchester begleitet, gänzlich ins Geschehen einbezogen. Von großer Schönheit und Ausgeglichenheit auch das Solistenquartett »To our great God be all the honour giv’n«, bei der noch einmal alle vier Stimmen in kunstvoller Verflechtung zu prächtiger Wirkung gelangten. Händel wusste, dass ein Schlusschor, um publikumswirksam zu sein, eine Krönung des vorangegangenen musikalischen Geschehens darstellen muss. Diese Bedingung erfüllte der Vortrag des abschließenden Hallelujahs vollauf: Mit Trompeten und Pauken kam der vielstimmige Lobpreis dem Messias-Halleluja nahe, im Umfang etwas kleiner, aber in der Wirkung vergleichbar – eine Hommage an die göttliche Treue in barockem Gewand.
Eine wiederholt geübte Kritik am Libretto betrifft die nur aus der historischen Situation heraus verständliche unverhüllte Glorifizierung des Heldischen. Der musikalische Reichtum von Händels Musik lässt darüber hinweg sehen. Mit seinen Choristen, Solisten und Instrumentalisten bis ins Detail einfühlsam gestaltet, hat Peter von der Osten mit dem Judas Maccabaeus eine gute Wahl getroffen, die das Publikum mit großem Beifall honorierte.
Kulturfestival setzt sich aus vielen Kräften zusammen
Fast 50 Veranstaltungen, Vorträge, Konzerte mit rhythmischer und klassischer Musik, Auftritte, Theater, Ausstellungen und Shows umfasst das Programm, das von dem facettenreichen kulturellen Leben in Hadersleben zeugt.
»Viele Kräfte haben wieder dazu beigetragen, dass wir ein solches Füllhorn an kulturellen Erlebnissen anbieten können«, sagt Kulturkonsulent Jørn Mejer, der wieder maßgeblich an den Vorbereitungen beteiligt war. Das Kulturfestival beweise jedes Jahr erneut die Bandbreite ehren- und hauptamtlicher kultureller Arbeit in der Stadt.
So finden bereits am kommenden Mittwoch Vorträge über Tycho Brahe und die griechisch-orthodoxe Welt der Ikonen statt, und der bekannte Journalist Herbert Pundik hält einen Vortrag über sein Lebensporträt. Nach der offiziellen Eröffnung einen Tag später, in deren Rahmen das Musical »Midt om Natten« im Kulturhaus Harmonien vom Theaterverein gegeben wird, geht es Schlag auf Schlag mit Jazz, Ausstellungen und einer poetischen Kindervorstellung im Theater Møllen.
Der diesjährige Beitrag der deutschen Minderheit, die jedes Jahr selbstverständlicher Bestandteil des Kulturprogramms ist, wird am Sonnabend, 28. Oktober, um 16.30 Uhr im Dom Händels Oratorium Judas Maccabeus mit der Nordschleswigschen Musikvereinigung, vier Solisten und Musikern des schleswig-holsteinischen Landessinfonieorchesters unter der Leitung von Peter von der Osten sein.
Ein Höhepunkt für Freunde eines anderen Musikgenres ist am Abend des selben Tages ein vom Kløften-Festival arrangiertes Konzert mit »Savage Rose« im Kulturhaus Harmonien, für das Eintrittskarten über www.haderslevbilletten.dk bezogen werden können.
Etwas ganz anderes zu bieten hat eine Alternativ-Messe, die am Wochenende 28./29. Oktober mit über 20 verschiedenen Ständen im Kulturhaus Bispen abgewickelt wird. Auch das Wilstruper Versammlungshaus hat sich dem Kulturfestival angeschlossen und zeigt »Kunst og flid i Vilstrup« am Sonntag, 29. Oktober.
Während man sich am Montag nicht das viel gelobte Stück »Silken« im Møllen-Theater entgehen lassen sollte, bietet der Haderslebener Kunstverein am Dienstag, 31. Oktober, eine Reihe von Kunstfilmen für Kinder und Erwachsene im Alten Hafenkontor. Abends gastiert Lotte Heise mit ihrer Show im Kulturhaus Harmonien.
Hervorzuheben aus dem reichhaltigen Angebot ist noch eine temperamentvolle Ehekomödie »Ægteskab på italiensk« am 2. November im Kulturhaus Harmonien sowie in der Kathedralschule Saint-Exupérys weltberühmter »Der kleine Prinz«, den die Versuchsbühne vom 3. bis 5. November mit einer kleinen »Konversationssinfonie« in Szene setzt. Ein regelrechter Chor-Marathon mit insgesamt 400 Sängern und vier Konzerten findet am 4. November im Kulturhaus Harmonien statt. Und ein Gottesdienst am 5. November in der Staruper Kirche mit Johannes Møllehave findet sicherlich ebenso Zulauf wie der Abschluss mit dem beliebten Promenadenkonzert am 5. November unter Mitwirkung der Haderslebener Musikschule und dem Stadtorchester, der »MetalStringAcademy« zur Moderation des Leiters der Unterichts- und Freizeitabteilung, Karl Erik Olesen.
»Das Publikum muss in schwebender, sehr ernsthafter Unsicherheit bleiben«
Peter von der Osten: Das könnte man denken. Es ist eine große Überraschung für das Publikum, aber es ist eigentlich ein Geheimnis. Es handelt sich um eine Person, die aus dem estnischen Bereich kommt. Ihr haben wir unsere Musik gewidmet.
Der Nordschleswiger: Lüften Sie doch mal Ihr Geheimnis!
Von der Osten: Ja, nein – ja, nein.
Der Nordschleswiger: Was heißt das: ja, nein – ja. nein?
Von der Osten: Das heißt: weder – noch. Dieser Name ist Bestandteil unserer internen Namensgebung.
Der Nordschleswiger: Dann tippen wir mal weiter: »Annu Firsich Band« deutet darauf hin, dass irgendjemand von den Bandmitgliedern auf Hochdeutsch die Wendung »an und für sich« nicht sehr klar ausspricht, sondern vielleicht vor sich hinnuschelt – etwa: annundfirsich.
Von der Osten: So etwas kann passieren.
Der Nordschleswiger: Und diese Person hat baltendeutsche Wurzeln.
Von der Osten: So etwas könnte eventuell zutreffen!
Der Nordschleswiger: Dann versuchen wir mal ganz frech und dreist, einen Volltreffer zu landen: Wir tippen auf Peter von der Osten!
Von der Osten: Ja – und? Was soll das nun heißen?
Der Nordschleswiger: Dass Sie mitunter die Wendung »an und für sich« nicht in klarem Hochdeutsch sprechen, sondern lieber »annu firsich« sagen, und dass Vorfahren von Ihnen aus dem Baltikum stammen.
Von der Osten: So etwas wäre eine gute Version – ja.
Der Nordschleswiger: Entspricht sie der Wahrheit?
Von der Osten: Sie hat Bestandteile von Wahrheit!
Der Nordschleswiger: Da haben wir ja noch mal Glück gehabt. Wann wurde die »Annu Firsich Band« gegründet?
Von der Osten: Im Jahre 2001.
Der Nordschleswiger: Wie sind Sie auf den Namen Ihrer Band gekommen?
Von der Osten: Die Nichtauflösung dieser Fragen werden wir die ganze Zeit, so lange wir bestehen, mit uns vorhertragen. Das Publikum wird also in einer schwebenden, sehr ernsthaften Ungewissheit bleiben müssen, die uns sehr Leid tut, die wir ihm aber nicht so einfach nehmen können. Wie andere schwere Dinge im Leben – auch diese Unsicherheit muss bleiben.
Der Nordschleswiger: Welche das Geheimnis preiszugeben sich weigernden Musiker gehören der »Annu Firsich Band« an?
Von der Osten: Lektor Jürgen Schulze, Loit, der sich als Saxophonist enorm in die Arrangements eingearbeitet hat und unser Bandleader ist; dann unsere Sopran-Solistin Ulrike Patzke, Apenrade, die bestimmte Jazz-Traditionals auf ihre eigene Art singt; eine große Stütze ist Lokomotivführer und Transportingenieur Jacob Griffel, Hadersleben, der ein hervorragender, sehr wendiger und routinierter Schlagzeuger ist; Kunstkonsulent Markus Herschbach, Loit-Schauby, Klavier, hat es zu einer wirklich breiten Reife gebracht und ist als unsere Tastenstütze – auch bei Keyboards – sehr wendig in der Improvisation; Lehrer Ole Runz Jørgensen, Apenrade, ist Gitarrist und erst seit kurzem dabei; meine Frau Andrea hat vor etwa sieben Jahrn begonnen, Saxophon und Klarinette zu spielen, sie ist bei uns zweite Saxophonistin.
Der Nordschleswiger: Eine Person fehlt noch; steht sie immer dabei und guckt zu?
Von der Osten: Sie steht dabei an der Seite, hat einen großen schwarzen Holzkasten – er nennt sich Kontrabass –, spielt dazu die Basstöne und setzt das Fundament.
Der Nordschleswiger: Was spielt die »Annu Firsich Band« am liebsten?
Von der Osten: Relativ bekannte traditionelle Jazztitel, die aber zum Teil in vollkommen neuer und vielleicht sogar avantgardistischer Verpackung daherkommen – also ungewohnt und mit Eigenartigkeiten.
Der Nordschleswiger: Was macht die »Annu Firsich Band« an diesem Wochenende?
Von der Osten: Am Sonnabend spielt sie bei einer Ladenschließung in Bad Segeberg; am Sonntag bringt sie ihren Kleinbus nach Tingleff zurück, räumt vorher ihre Instrumente aus und bedankt sich für die leihweise Überlassung des Fahrzeugs.
